Die Oder-Neiße-Linie

Oder-Neiße-Linie

Die Oder-Neiße-Linie oder Oder-Neiße-Grenze beschreibt den Grenzverlauf zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Polen. Die Grenze verläuft entlang der Flüsse Oder und Lausitzer Neiße(pol. Nysa).

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Geschichtlicher Hintergrund

Die Grenzziehung erfolgte im Rahmen der Westverschiebung Polens nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Februar 1945 auf der Konferenz von Jalta wurde bereits eine grundsätzliche Verschiebung, des während des Krieges zwischen Hitler-Deutschland und der Sowjetunion aufgeteilten Polens, in Richtung Westen festgelegt.

Bereits vor Ende des Krieges hatte die vorrückende Rote Armee Verwalter in den besetzten Gebieten eingesetzt. Es kam entweder zur Vertreibung der deutschen Bevölkerung oder zur Verschleppung nach Sibirien, wo sie zur Arbeit gezwungen wurden. Zugleich wurde die polnische Bevölkerung aus den von der Sowjetunion besetzten Gebieten dort angesiedelt.

Noch im Sommer 1945 begann die polnische Verwaltung mit der Umbenennung eines Großteils der Ortschaften.

Auf der Potsdamer Konferenz im August desselben Jahres wurde von den Siegermächten eine polnische Verwaltung akzeptiert, jedoch zeitlich begrenzt, bis es zu einer friedensvertraglichen Regelung käme.

Auch die Oder-Neiße-Grenze wurde hier bis auf weiteres festgelegt. Man spricht in diesem Zusammenhang von der Kompensationstheorie. Der östlich der Curzon-Linie gelegene Teil Polens war in sowjetischer Hand und es war klar, dass Stalin diese nicht zurückgeben würde. Um Polens Verluste zu kompensieren, wurde beschlossen, es auf Kosten von Deutschland nach Westen zu verschieben. Diese Entscheidung hatte rein politische Gründe und ließ ethnografische und wirtschaftliche Gesichtspunkte außer Acht. Zwar betrug die Fläche der für Polen gewonnenen Gebiete nur 102.000 Quadratkilometer, die Verlorene aber 178.000 km², jedoch betrug der Wert der deutschen Ostgebiete nach damaligem Dollarpreis 9,8 Mrd. US-Dollar, während die Ostgebiete Polens 3,6 Mrd. US-Dollar entsprachen. Polen versuchte seinen Anspruch auf die dt. Ostgebiete zu rechtfertigen, indem sie sie als „urpolnisch“ und „altangestammtes Gebiet“ bezeichneten.

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Es ist korrekt, dass Polen einmal die heutigen Ausmaße hatte, jedoch zählten bereits ab dem 12. Jh. Schlesien und Pommern als abhängiges aber selbstständiges Herzogtum bzw. als Lehen zum Deutschen Reich. 1335 versicherte der polnische König Kasimir d. Dritte unter Eid, dass Polen niemals mehr Ansprüche auf Schlesien erheben werden.

Es gibt Vermutungen, dass den englischen und amerikanischen Delegationen die Existenz der Lausitzer Neiße zunächst nicht bewusst war und sie von der 50 Kilometer weiter östlich gelegenen Oder-Bober-Linie ausgingen. Kurzzeitig wurde versucht, diese Linie als Grenze zu setzen, jedoch stimmte die Sowjetunion dem nicht zu. Der Vorteil dieser Grenzziehung wäre eine Erhaltung der Städte Görlitz und Guben gewesen. Durch die Lausitzer-Neiße als Grenze wurden diese geteilt.

Hier ein Bild des östlich der Grenze gelegenen Teils Görtlitz’ heute.
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Am 7. Dezember 1970 kam es zur Schließung des Warschauer Vertrages zwischen Polen und der BRD. In diesem Vertrag wird die bestehende Grenze erstmals offiziell von deutscher Seite anerkannt. Man habe keine Gebietsansprüche gegeneinander und werde sie auch in Zukunft nicht erheben. Es gab keinerlei Forderungen einer Gegenleistung von deutscher Seite (wie z.B. Minderheitenschutz). Im Rahmen der Vertragsschließung kam es in Warschau zu dem berühmten Kniefall Willy Brandts, der später für seine Ostpolitik den Friedensnobelpreis erhielt.

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Eine Rechtsgrundlage war jedoch noch immer nicht geschaffen, da die drei Siegermächte und Frankreich sich vorbehalten hatten, eine Regelung für Deutschland als Ganzes zu finden.

[„Die Häupter der drei Regierungen bekräftigen ihre Auffassung, dass die endgültige Festlegung der Westgrenze Polens bis zu der Friedenskonferenz zurückgestellt werden soll.“ Potsdamer Protokoll, Artikel IX b.]

Nach der Wiedervereinigung wurden 1990 im Zwei-plus-Vier-Vertrag die bestehenden Grenzen bestätigt. Im Deutsch-Polnischen-Grenzvertrag kam es nochmals zu einer Bekräftigung und man beschrieb die Grenze als „unverletzlich“. Genau diese Bezeichnung wird von manch einem jedoch als problematisch angesehen. Eine „unverletzliche“ Grenze drücke nur den Gewaltverzicht aus. Anders sei dies bei einer unantastbaren Grenze.

Die Deutsch Polnische Grenze heute

Heute gibt es die EU, Europa wächst zusammen, die Grenzen lockern sich. Die Grenze zwischen Polen und Deutschland ist offen. Seit dem 21. Dezember 2007 sind im Rahmen der Erweiterung des SchengenRaumes die Kontrollen an der Grenze größtenteils abgeschafft. Keine LKW-Schlangen mehr, die an den inzwischen verlassenen Grenzanlagen stehen und warten. Kontrollen gibt es stichprobenartig immer noch. Es sind keine Beamten mehr, die in Wachhäusern sitzen und Papiere kontrollieren. Deutsche und polnische Polizisten arbeiten Hand in Hand und fahren täglich mehrere Hundertkilometer an der Grenze, die es nur noch auf dem Papier gibt, ab.

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1991 wurde im Grenzgebiet zwischen Polen, Tschechien und Deutschland die Euroregion Neiße gegründet. Ihr Sitz befindet sich in der bedeutendsten Stadt der ERN: Liberec.

Das Ziel ist es, gemeinsam zu agieren und die Region gemeinsam stark zu machen. Die ERN ist kommunal organisiert und versucht unter Anderem die wirtschaftliche Situation der Bürger zu verbessern, den kulturellen Wert zu erhalten und auch den negativen Einfluss der Grenze zu verwischen. Eines der Mitglieder der ERN ist die Stadt Görlitz, die, wie bereits erwähnt, unter der damaligen Grenzziehung besonders gelitten hat und nun wieder mehr und mehr zusammenwächst.

copyright © Eike Gosch

3 thoughts on “Die Oder-Neiße-Linie

  1. Die Oder-Neiße-Grenze wurde nie völkerrechtlich verbindlich anerkannt.
    Herr Prof. Dr. Christoph Koch hat sich im Kapitel “Im Schatten des Reiches” seiner Publikation “Vom Junker zum Bürger” sehr deutlich dazu geäußert.

  2. Natürlich wurde die Oder-Neiße-Grenze vertraglich anerkannt, nicht nur mit dem Warschauer Vertrag.
    Da waren noch der Moskauer Vertrag, das Viermächteabkommen, das Transitabkommen, das Berlinabkommen und der deutsch-deutsche Grundlagenvertrag. International wurde die Oder-Neiße-Grenze ebenfalls anerkannt, nämlich durch die KSZE-Schlussakte von Helsinki 1975.
    Bestandteil all dieser Verträge war unter anderem die Anerkennung des politischen Status quo und damit die Anerkennung aller gegenwärtigen Grenzen.

  3. Hallo zusammen,

    sehr interessanter Beitrag. Ich habe da ehrlich gesagt nie so detailiert drüber nachgedacht und bin daher für diesen Denkanstoß sehr dankbar.

    Gerne mehr solcher Beiträge, welche über die bekannten “Denkgrenzen” hinausgehen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Theodor Hofmann

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