Die Abgrenzung innerstädtischer Quartiere am Beispiel «Neukölln»

Begriffsdefinition ‘Quartier’: Quartier bezeichnet in Deutschland städtische Bereiche mit eigenem Namen, die jedoch keine amtlich geführten Stadtteile sind (wiki). D.h. mit der Benutzung von Quartier wird in der Soziologie versucht, administrative Bezeichnungen zu umgehen. Kein Wunder», denn Quartiere definieren sich allgemein durch ihre Bewohner und deren soziale Strukturen. Nicht selten verwachsen allerdings diese Grenzen mit denen der Stadtverwaltung.

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Status Quo: Neukölln ist der achte von zwölf Bezirken Berlins bzw. dessen nördlicher Ortsteil. Er beherbergt ca. 300.000 Menschen auf 45km² (Aug. 2008) und liegt im südlichen Bereich der Bundeshauptstadt zwischen den Bezirken Tempelhof-Schöneberg im Westen und Treptow-Köpenick im Osten sowie Friedrichshain-Kreuzberg im Norden. Im Süden grenzt Neukölln an das Bundeslang Brandenburg.

Der Berliner Senat hat weite Teile Neuköllns mit dem Prädikat “Gebiete mit besonderem Entwicklungsbedarf” gekennzeichnet. Beachtlich ist, in ganz Berlin gibt es 17 solcher überwiegend sozialen Brennpunkte, neun davon liegen im Bezirk: Reuterplatz, Rollbergsiedlung, High-Deck-Siedlung, Schillerpromenade, Richardplatz Süd, Gropiusstadt/Lipschitzallee, Flughafenstraße, Weiße Siedlung und Körnerpark. Diese Gebiete haben Innenstadtnähe, große Wohnsiedlungen einschl. Plattenbausiedlungen, Gewerbe-, Industrie-, Post- und Bahnbrachen sowie ehemalige Militärstützpunkte gemein. Sie fallen besonders durch hohe Arbeitslosigkeit, der Zunahme von einkommensschwachen Haushalten, der steigenden Anzahl von Sozialhilfeempfängern, der zunehmenden Perspektivlosigkeit unter Jugendlichen durch wachsende Jugendarbeitslosigkeit und fehlender beruflichen Chancen, der Zunahme von Gewaltbereitschaft und Kriminalität und dem Vorherrschen städtebaulicher Missstände auf. Umstritten ist, ob diese Brennpunkte auf den hohen Migrantenanteil oder eher auf die großen sozialen Missstände zurückzuführen sind. Sicher ist aber, dass die sozialen Probleme, gerade der Misstand im Punkte Bildung, nicht nur Immigranten, sondern auch vor allem Deutsche trifft.

Wie kam es zur aktuellen Problemsituation?

1) Zusammenlegung der Bezirke

Mit der Verwaltungsreform 2001 wurden die bis dato 23 Bezirke in 12 nahezu identisch große Bezirke zusammengelegt, dabei wurde versucht ehemalige Ost- mit Westbezirken zu fusionieren. Neukölln und seine Ortsteile blieben davon zwar unberührt, aber der Einfluss der neu entstandenen Bezirke hat noch heute Auswirkungen. U.a. enstand der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.

2) Gentrifizierung in Prenzlauer Berg und Kreuzberg

Die Zusammenlegung der Bezirke hat neue Nachbarn auf den Plan gerufen. Prenzlauer Berg hat sehr stark mit Yuppisierung zu kämpfen, Kreuzberg dagegen sieht sich gerade dem studentenreichen Friedrichshain gegenüber. Im Laufe des Aufwertungsprozesses. durch die zu Akademikern mit erhöhten Ansprüchen herangewachsenen Studentenpioniere, der die Mieten in die Höhe schnellen lässt, verschiebt sich das alteingesessene Klientel gen Süden, Neukölln, mit all seinen Problemen.

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“Gebiet mit besonderem Entwicklungsbedarf” bezeichnet im Allgemeinen kein “Ghetto” sondern vielmehr ein Quartier, das erhöhte Aufmerksamkeit aufgrund der oben genannten Probleme bedarf. Im Fall ‘Neukölln’  sieht die Regierung vor allem diese Vorangehensweise als wichtig an:

Projekt: Stadtteilmütter

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Frauen verschiedenster Nationen lernen in einer sechsmonatigen Ausbildung, Familien in Not zu helfen. Sie geben den “Eltern Informationen über das deutsche Bildungssystem, über Erziehungsfragen, Gesundheitsförderung, Ernährung, Kinderrechte und Elternpflichten. Sie sollen Informationen, Rat und auch Hilfe anbieten und so dafür sorgen, dass Kinder aus nichtdeutschen Familien in Kitas angemeldet werden und damit auch mehr Chancen auf ein erfolgreiches Schulleben haben.” Mit diesem Projekt wird versucht, dem Hauptanliegen des Berliner Senats, Bildung bzw. Mangel an Bildung, entgegenzusteuern und somit Integration und annähernd Chancengleichheit zu ermöglichen. In anderen deutschen Städten sowie in Berlin-Kreuzberg, ist dieses Vorgehen bereits geglückt.


Ein vorzeitiges Ende der Entwicklung ist nicht in Sicht, der Aufwertungsprozess zieht sich stetig hin, und da Gentrifizierung wächst und nicht am Reißbrett geplant wird, ist es schier unmöglich das Unterfangen aufzuhalten. Maßnahmen wie das Projekt ‘Stadtteilmütter’ sollen die Folgen, zumindest die negativen Auswirkungen, des Prozesses schmälern, stoppen können allerdings auch sie ihn nicht. Klar ist, dass die Gegenüberstellung der verschiedenen Bevölkerungsschichten deutliche Probleme verursacht und das vor allem auf der Seite der vom Gesellschaftsstatus her niedrigeren Schichten. Beispiele wie Harlem, NYC, Schanzenviertel, HH, oder Bockenheim/Westend und teils Ostend in Frankfurt a.M., für einen stattfindenen oder abgeschlossenen Gentrifizierungsprozess zeigen dies.

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