Türkei GAP

Das südostanatolische Projekt – Des Problems Lösung oder Auslöser?

Die Türkei versucht mit hohem Aufwand die schlechte Situation im Osten des Landes erheblich zu verbessern und nimmt dabei mögliche neue Konflikte mit den Nachbarländern Syrien und Irak in Kauf. Desweiteren bietet die Arbeiterpartei Kurdistans, kurz PKK, weiterhin Grund zur Sorge.

Das Südostanatolien-Projekt, oder auch GAP [türk. Güneydoğu Anadolu Projesi], beinhaltet entlang der beiden Flüsse Euphrat und Tigris 22 Staudämme, 19 Wasserkraftwerke sowie Bewässerungsanlagen. Es bezieht sich auf neun Provinzen des Landes mit einer Gesamtgröße von über 75.000km² und stellt somit das größte regionale Entwicklungsprojekt der Türkei dar. Der Abschluss des Projektes ist für 2010 geplant.

Staudämme an Euphrat und Tigris

Staudämme an Euphrat und Tigris

1. – Ursprung & Ziele des Projektes

2. – Störfaktor PKK – Die radikale kurdische Untergrundgruppierung

3.Konflikt mit Anrainerstaaten – Syrien & Irak befürchten Wasserknappheit

4.Aktueller Stand sowie Auswirkungen

5. – Quellen

1. – Ursprung & Ziele des Projektes

Die Geschichte des gigantischen Projektes begann in den 1980er Jahren. Mit dem Vorhaben sind mehrere Ziele verbunden. Die Hauptaugenmerke sind jedoch auf die wirtschaftliche sowie soziale Entwicklung des stark unterentwickelten Osten der Türkei gelegt worden. Die Region leidet neben einer sehr schwachen sozialen Struktur auch unter einem sehr geringen Bildungsstand. Nicht nur, dass sich zwischen 1970 und 1990 die Bevölkerung der Region nahezu verdoppelt hat [Im Durchschnitt hat eine Frau sieben Kinder], auch die Tatsache, dass die Analphabetenquote mit 39,5% im Jahr 1990 überdurchschnittlich hoch war, war ein Anlass für die türkische Regierung ein nachhaltiges Projekt zur Förderung der sehr vernachlässigten Region in Angriff zu nehmen.

Doch auch die außerordentlich schlechte medizinische Versorgung in der Region spielt in die damaligen Überlegungen mit hinein. Die Attraktivität ist in der Region für Ärzte schlichtweg nicht gegeben und so werden Metropolen im Westen mit deutlich höherem Lebensstandard bevorzugt. Deshalb verwundert es auch nicht, dass die Statistik Erschreckendes aufweist. Auf 91.000 Menschen entfällt ein Krankenhaus, auf 775 Menschen ein Krankenbett und auf 4247 Menschen ein praktizierender Arzt. Die Folge ist eine hohe Sterberate an vermeintlich harmlosen Krankheiten respektive Verletzungen.

Desweiteren kämpft die Türkei mit Hilfe des GAP gegen die stark Vorhandene innerländliche Migration der Bevölkerung von Ost nach West an. Durch das starke West-Ost-Gefälle zieht es viele Menschen in die Metropolen des Westens. Dort versuchen viele Menschen ihr Glück und erhoffen sich, dass der signifikant höhere Lebensstandard im Westen auch ihr Leben verbessern wird.

Das Lindern bzw. komplette Abschaffen dieser Probleme ist jedoch nur möglich, wenn es der Region möglich gemacht wird, auf guten Böden landwirtschaftliche Arbeit zu betreiben. Somit ist die Landwirtschaft im Zuge des Projektes wohl der größte Profiteur. Durch gewaltige Bewässerungsanlagen wird eine Fläche von 1,7 Millionen Hektar zur landwirtschaftlichen Nutzung erschlossen. Somit verdoppelt sich die bewässerte Fläche des Landes. Vor allem die Nachfrage nach Baumwolle macht die enorme Wichtigkeit der Landwirtschaft für die Türkei deutlich. Die Nachfrage nach dem Rohstoff ist höher als die Befriedigung des eigenen Bedarfs. Durch das GAP wird deshalb eine Erhöhung der Baumwollproduktion von aktuell 150.000t auf über 400.000t erwartet. Nicht nur die Erträge von Baumwolle werden signifikant steigen, auch die Produktion von Pistazien, Mandelbäumen, Sojabohnen, Erdbeeren sowie von Weizen soll deutlich erhöht werden.

Doch spielt hier bereits einer der Nachteile hinein. Mit der Inbetriebnahme von Staudämmen steigt nicht nur der Grundwasserspiegel, auch die Bodensalze steigen nach oben und versalzen den zum Anbau vorhergesehenen Boden. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Region Harran. Dort verdreifachte sich nach Inbetriebnahme des Staudammes ebenfalls der Ertrag, doch sind nach einigen Jahren bereits über 20% des Bodens versalzen und somit für den Anbau absolut ungeeignet.

Ein weiteres Ziel des Projektes, welches bereits heute jedoch einige positive Früchte erntet, ist die Nutzung der Wasserkraft ausgehend aus dem Euphrat und dem Tigris. Bereits heute arbeiten 17 Wasserkraftwerke im weltweit größten Verbund und erreichen 8,9 Milliarden Kilowattstunden. Nach Abschluss der Arbeiten soll die Leistung bei 27 Milliarden Kilowattstunden bzw. 30% des Jahresbedarfs der Türkei liegen.

Die Hasan-Ugurlu-Talsperre

Die Hasan-Ugurlu-Talsperre


2. – Störfaktor PKK – Die radikale kurdische Untergrundgruppierung

Ein nicht zu gering zu bewertender Effekt des Projektes betrifft die in dieser Region größtenteils lebende Minderheit der Kurden. Mit der Stabilisierung der Region und der deutlichen Verbesserung der Bedingungen erhofft sich die Regierung auch eine Entspannung bzw. Entschärfung der brisanten sozialen Lage.

Die Verteilung der kurdischen Minderheit

Die Verteilung der kurdischen Minderheit


Die Partiya Karkerên Kurdistan, kurz PKK [zu Deutsch: Arbeiterpartei Kurdistans], ist eine von der EU als terroristisch eingestufte Vereinigung, welche seit Jahren mit Waffengewalt um die Autonomie kurdisch besiedelter Gebiete in der Türkei kämpft. Sie schreckt auch nicht davor zurück, zivile Ziele auszuwählen.

Der Anfang der radikalen Gruppierung, welche sich als vermeintlicher Vertreter der über 15 Millionen in der Türkei lebenden Kurden sieht, ist auf den 27.12. 1978 zu datieren. Der Hintergrund der Gründung der Gruppierung ist auf die politische Situation in den 1970er Jahren innerhalb der Türkei zurückzuführen. Die kurdische Bevölkerung musste auf Grund einer radikalen politischen Lage damit umgehen, dass ein eigenständiges kurdisches Volk oder gar ein Staat verleugnet und der Gebrauch der kurdischen Sprache in schriftlicher Form gänzlich verboten sowie in mündlicher Form sehr eingegrenzt wurden.

Dabei ist Abdullah Öcalan als Gründervater der Organisation zu nennen. Unter seiner Führung breitete sich die Gruppierung bis zur schlussendlichen Gründung im Jahr 1978 in weiten Teilen der Türkei aus. Dabei ist die äußerste Devise der marxistisch-leninistisch ausgerichteten Gruppierung das Erreichen einer Revolution, welche zur Gründung eines eigenständigen kurdischen Staates führt. Hierfür greift die Organisation auf das Mittel der „Kleinkriege“ zurück und hofft dabei auf die Unterstützung der armen und somit der beeinflussbaren Bevölkerungsgruppen wie arme Bauern aber auch selbstverstehend auf die kurdische Jugend. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf dem Kampf gegen die nationale Unterdrückung durch den türkischen Staat.

Die PKK und die Türkei liefern sich seit der Formationsphase der Organisation blutige Auseinandersetzungen. Tausende Zivil- sowie Soldatenopfer gehen auf das Konto der PKK, jedoch auch etliche „verschwundene“ Kurden, welche vom türkischen Militär entführt wurden.

Die aktuelle Situation spitzt sich seit 2004 nach früheren ruhigeren Phasen wieder sehr zu. Berichten zufolge kam es zwischen Juli und August 2005 zu heftigen Kämpfen zwischen den türkischen Streitkräften und der PKK. Die HPG, der militärische Arm der PKK, führte selbst auf nicht für sich beanspruchtem kurdischem Land Angriffe gegen die Türkische Streitkraft aus. Desweiteren erhält die PKK Unterstützung von der TAK, den Freiheitsfalken Kurdistans. Diese Untergrundorganisation wird von der türkischen Regierung gar als ein terroristischer Arm der PKK eingestuft. Sie erklärte sich Verantwortlich für Attentate auf etliche zivilistische Ziele, bei denen ~ 160 Menschen verletzt und 16 getötet wurden. Bis zum Ende des Februars 2008 entsendete die Türkei 10.000 Soldaten gen Nordirak im Kampf gegen die PKK. Die Operation endete nach vier Tagen und 237 Mitglieder der PKK sowie 24 türkische Streitkräfte sind dabei gefallen.

Auf Grund der angespannten Lage wurden bereits am 06. Juni 2007 vier Gebiete zu vorübergehenden Sicherheitszonen ausgeschrieben, in der der Zutritt grundsätzlich verboten war. Im März 2008 folgten zwei weitere Gebiete. Vom 11. September an wurde die Zahl gar auf neun erhöht.

In Bezug auf das südostanatolische Projekt ist die kurdische Bevölkerung allerdings eher optimistisch gestimmt, was die PKK allerdings nicht mit einschließt, da ihr Vorhaben auf eine komplette radikale Revolution abzielt.

Schenkt man den Worten von Sahismail Bedirhanoglu, dem Vorsitzenden von Günsiad, der „Vereinigung südostanatolischer Industrieller und Geschäftsleute“ [„Die Arbeitslosigkeit hier liegt bei 40 Prozent. Aber durch Gap werden hier vier Millionen Arbeitsplätze entstehen“] so ist das Projekt nicht nur ein Segen für die Weiterentwicklung im Osten der Türkei sondern auch ein möglicher weiterer Schritt zur Vermittlung zwischen den Kurden und der türkischen Regierung mit Ministerpräsidenten Erdogan. So sendet inzwischen ein kurdischer TV-Sender innerhalb der Türkei, doch bleibt abzuwarten, ob die einigermaßen positive Annäherung der Regierung an die kurdische Minderheit ausreichen wird, um die vorhandenen Konflikte zu lösen. Die Konflikte mit der PKK scheinen derweil ohnehin unüberwindbar.

Denn die PKK stellt eine große Gefahr für das GAP dar. Ein Beispiel hierfür ist der Staudamm in Ilisu. Die ersten Bauarbeiten, die dort aufgenommen wurden, betrafen den eigentlichen Staudamm gar nicht, da erst ein Militärstützpunkt errichtet werden musste, welcher die Sicherheit der Bauarbeiten gewährleisten konnte. Die PKK hat es dennoch versucht die Bauarbeiten, wie Ministerpräsident Erdogan sagt, zu „sabotieren“, indem Zufahrtsstraßen oder auch die Quartiere der Arbeiter angegriffen wurden. Erdogan und seine Regierung seien empört über das Verhalten der PKK. Der Staudamm solle die langfristige Entwicklung der Region nachhaltig stärken, doch die Untergrundorganisation versucht alles um dies zu sabotieren.

Der Tigris im Irak

Der Tigris im Irak

3. – Konflikt mit Anrainerstaaten – Syrien & Irak befürchten Wasserknappheit

Sowohl Syrien als auch der Irak, in die der Euphrat und der Tigris aus der Türkei fließen, sind durch das gigantische Projekt mehr als besorgt. Bis an die Grenzen beider Länder reichen die Staudämme heran und die Gefahr, dass das Wasser des Euphrats und des Tigris von der Türkei als Machtinstrument benutzt werden könnten, sorgt für starke Sorgenfalten. Nicht nur die Tatsache, dass die Türkei auf Grund enormer Wasserspeicherkapazitäten in der Lage wäre, den beiden Anrainerländern einfach den Wasserhahn zuzudrehen ist ein Argument, welches durch enge Zusammenarbeit der Türkei mit Israel und den Vereinigten Staaten von Amerika sowie der Aussage des verstorbenen ehemaligen Minister- sowie Staatspräsidenten Özal zusätzlich an Gewicht gewinnt. Dieser formulierte den Vergleich: „Die anderen Staaten der Region haben Öl, wir haben Wasser“.

Auch der Grad der Verschmutzung des Wassers spielt eine übergeordnete Rolle. Vor allem Syrien beklagt, dass durch verwendete Pestizide auf Seiten der türkischen Bauern, das Wasser, welches weiter nach Syrien geleitet wird, sehr belastet ist und der Ernteertrag der syrischen Bauern bereits signifikant rückläufig ist. Dies ist vor allem durch die in Syrien als auch in Irak vorhandene stark anwachsende Bevölkerung und der Zunahme der Bauern eine prekäre Situation.

Verschärft wird die Situation durch die Tatsache, dass Syrien die PKK lange Zeit mit Waffen, Geld und Logistik unterstützte. Syrien verpflichtete sich nach zweitätigen Verhandlungen im Jahr 1998 dazu, diese Unterstützung sofort einzustellen, nachdem die Türkei mit einem massiven Militärschlag drohte, jedoch ist davon auszugehen, dass auch das GAP als Druckmittel genutzt wurde. Allein diese Vermutung zeigt die errungene bzw. erbaute neue Macht der Türkei auf und lässt den Begriff „Machtinstrument“ sehr wirklich erscheinen.

4. – Aktueller Stand sowie Auswirkungen

Nach derzeitigem Stand werden die Arbeiten nicht wie angezielt bis 2010 beendet werden können. Dies hat neben ökonomischen Problemen, welche die Reduzierung der finanziellen Mittel für das Projekt nach sich zogen, auch die Auseinandersetzung mit der PKK als Grund. Anfang der 1990er Jahre kam es sogar teilweise zum kompletten Erliegen der Arbeiten, was nun zum Verzug führt.

Desweiteren sind auch soziale Probleme zu verzeichnen. Trotz des weiten Voranschreitens des Projektes sind bisher verhältnisweise wenig neue Arbeitsplätze entstanden. Hochwertige vakante Arbeitsstellen werden dabei häufig von qualifizierten Arbeitnehmern aus dem Westen besetzt, was genau dem Gegenteil des Zieles des Projektes entspricht.

Hinzu kommt die Umsiedlung der Bevölkerung, welche auf Grund der Aufstauung des Wassers den alten Lebensraum verliert. Mehr als 4.000 Dörfer sowie 5.000 Siedlungen sind von diesen Umsiedlungsmaßnahmen betroffen.

In Bezug auf die Anrainerstaaten spielen zudem die internationalen Abkommen eine übergeordnete Rolle. Nach derzeitigem Stand fließen 700 Kubikmeter pro Sekunde in die Nachbarstaaten wobei nach früheren Verhandlungen 500m³/s von der Türkei zugesichert wurden. Doch ist es aus Sicht der Türkei jederzeit möglich die Abgabe der Wassermengen variabel zu gestalten. Vor allem Syrien besitzt nicht nur auf Grund der Tatsache, dass sie die PKK mit Waffen unterstützen eine schlechtere Verhandlungsposition. Auch das im Gegensatz zum Irak nicht vorhandene Öl verschlechtert die Verhandlungsposition erheblich. Genau andersrum profitiert der Irak durch die riesigen Ölvorkommen, um sich das „türkische Wasser“ zu sichern.

Es ist somit kein Wunder, dass die Einrichtungen des Projektes äußerst stark gesichert sind und unter anderem über Flugabwehrgeschütze verfügen.

Das Bewässerungssystem von Euphrat & Tigris

Das Bewässerungssystem von Euphrat & Tigris

„Staudämme sind ein typisches Phänomen für Länder der Dritten Welt. Dabei bedeuten gigantische Staudammprojekte zur Gewinnung von Wasserkraft nichts anderes als ökologischer Selbstmord. Bei kleineren Dämmen ist es nicht anders: Sie bringen vorübergehend Reichtum, sind aber langfristig gesehen für die Landwirtschaft eine Katastrophe. Das größte Problem der Türkei ist, dass man bei der Wahl der Standorte für die Staudämme nicht nach wissenschaftlichen Kriterien handelt. Das ist sehr traurig. Die langfristigen Interessen werden dem kurzfristigen Profit geopfert.“ Prof. Ismail Duman, Universität Istanbul (aus: „Schätze im nassen Grab.“)

5. – Quellen

http://de.wikipedia.org/wiki/Partiya_Karker%C3%AAn_Kurdistan

http://www.faz.net/s/RubDDBDABB9457A437BAA85A49C26FB23A0/Doc~E186627AF3A594437BBBB6CEDF9BE8BA1~ATpl~Ecommon~Scontent.html

http://ws4.orf.at/newspool/99810

http://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCdostanatolien-Projekt

http://www.gapturkiye.gen.tr/deu/deindex.html

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